Gefiederte Missetäter
Vom „Awake!“-Korrespondenten in Großbritannien
DER europäische Star mit seinem schwarzen, metallisch glänzenden Gefieder ist ein munterer Vogel. Unaufhörlich macht er irgendwelchen Lärm. Allerdings fliegt er schon weg, wenn er nur im geringsten erschreckt wird, aber kurz danach kommt er zurück und schreitet auf den kräftigen Beinen geschäftig am Boden einher, als wäre er völlig unbekümmert.
Manche Leute mögen diesen streitlustigen Vogel nicht leiden, ihre Abneigung ist auch nicht ganz unbegründet. Wenn man die Hühner füttert, kommt ein ganzer Schwarm Stare angeflogen und frißt den Hühnern einen großen Teil des gestreuten Futters weg. Manch einer behauptet auch, nachts wegen ihres heiseren Schreiens nicht schlafen zu können. Die Stare richten gelegentlich großen Schaden an.
In Kinver (England) übernachteten eine Zeitlang regelmäßig etwa zwei Millionen Stare in einer vier Hektar großen Lärchenpflanzung. Bis es gelang, sie endlich zu verjagen, hatten sie 30 000 fünfzehn Jahre alte Lärchen vernichtet.
In Beerenkulturen, Obstgärten, Getreidefeldern usw. richten die Stare erheblichen Schaden an. Ein Landwirt erzählte: „Eine Million Vögel von einem Feld zu verscheuchen, das ist, als wollte man verhindern, daß es regnet. Dieses Jahr habe ich 2 000 Dollar für Gewehre und Munition ausgegeben. Und was habe ich erreicht? Ich habe lediglich die Vögel auf die Felder meiner Nachbarn vertrieben.“
Den Staren gefällt es in der Stadt; offenbar genießen sie die Wärme, die die großen Steinbauten spenden. In manchen Städten übernachten sie zu Tausenden auf solchen Häusern, und am Morgen fliegen sie dann auf das umliegende Land. Dort suchen sie sich das Futter und nachts kehren sie wieder zu ihren Schlafsitzen in der Stadt zurück.
In Washington, D. C., übernachten in einem einzigen Häuserblock mehr als 10 000 Stare, verunreinigen die Fassaden und belästigen die Leute. Die für die Feierlichkeiten bei der Amtseinführung Präsident Hoovers im Jahre 1929 verantwortlichen Beamten hatten Probleme in Verbindung mit dem Schutz der Ehrengäste und Zuschauer an der Paradestrecke. Für die Amtseinführungsfeierlichkeiten Präsident Kennedys im Jahre 1961 ließ der Festausschuß die Bäume an der Paradestrecke mit einem Stoff besprühen, den die Stare nicht riechen mögen; für das Besprühen gab der Ausschuß 8 600 Dollar aus.
Bis 1890 gab es in den Vereinigten Staaten keine Stare. In jenem Jahr beschloß ein reicher New Yorker, alle Vögel in Amerika einzuführen, die in den Stücken von Shakespeare erwähnt werden, daher ließ er im Central Park sechzig Stare aus England frei. Jetzt gibt es in Amerika Hunderte von Millionen Stare, und die Stare haben sich von Küste zu Küste ausgebreitet. In Vancouver sah man den ersten Star im Jahre 1946. Ende der 1950er Jahre drangen sie zu Tausenden in die Stechpalmenhaine in Oregon ein.
Um Ernten und Gebäude vor den Staren zu schützen und die unliebsamen Vögel zu vertreiben, hat man alles mögliche versucht, doch ohne nennenswerten Erfolg. Die Behörden haben es mit Feuerwerkskörpern versucht, mit Gummischlangen, mit Ballons, mit Elektrozäunen, mit Beuteln, gefüllt mit Chemikalien, die die Stare nicht riechen mögen, mit Klappern, Blechrasseln, Ultraschall, Ultraviolettstrahlung, Suchscheinwerfern, Tranquilizern und vielem anderem.
Der Stadtrat von Melbourne (Australien) ließ an der verzierten Fassade der Stadthalle, ein beliebter Schlafplatz der Stare, eine riesige ausgestopfte Eule mit blitzenden Augen anbringen. Mit welchem Erfolg? Die Stare benutzten die Eule als Schlafsitz!
Obschon die Stare als Plage empfunden werden, zögern die Behörden zu empfehlen, diese Tiere auszurotten. Die Stare vertilgen viele Insekten, in Nordamerika zum Beispiel auch den aus Asien eingeschleppten Japanischen Käfer. Man ist zu der Überzeugung gekommen, daß die Schäden, die diese Vögel anrichten, in keinem Verhältnis zu ihrem Wert als Schädlingsvertilger stehen.
Außerdem gibt es Millionen Menschen, die Freude an Staren haben. Besonders für Stadtbewohner ist es ergötzlich, diesen guten Fliegern zuzuschauen, wenn ein ganzer Schwarm fast wie ein einziger Vogel in der Luft kreist und wendet. Viele hören die Stare auch gerne eine ihrer verschiedenartigen Weisen pfeifen.
Die Stare haben ein ausgezeichnetes Nachahmungsvermögen. Sie sollen vierundvierzig verschiedene Vögel nachahmen können! Außerdem vermögen sie Laute wie das Bellen des Hundes und das Miauen der Katze wiederzugeben. Stare können sogar lernen, Worte nachzusprechen und Melodien zu pfeifen. Manche Leute fangen Stare und halten sie als Käfigvogel wie Papageie und Wellensittiche. Ein Star kann äußerst unterhaltsam sein.
In manchen Gegenden mögen die Stare als Missetäter betrachtet werden, doch sie haben viele liebenswerte Eigenschaften, die einen wieder mit ihnen aussöhnen. Der Star ist wirklich ein besonderer Vogel.