Ein Erdbeben erschüttert die Landschaft Friaul
Vom „Awake!“-Korrespondenten in Italien
„PLÖTZLICH begann der Zementfußboden heftig zu schaukeln. Ich bemühte mich, das Gleichgewicht zu halten, fiel aber wie die anderen zu Boden. Das Getöse wurde immer lauter und hörte sich an, als stürzten Trümmer auf uns herab. Plötzlich ging das Licht aus, und eine gewisse Angst befiel uns. Die kleinen Kinder riefen nach ihrem Papa.“
So schilderte Anacleto Martin aus Gemona (Italien) den ersten Stoß des schweren Erdbebens, das Friaul (it. Friuli) am Abend des 6. Mai 1976 heimsuchte. Friaul ist eine Landschaft in Nordostitalien zwischen den Karnischen Alpen und der Adria und umfaßt ein Gebiet von rund 7 800 Quadratkilometern. Es gehört zu der Provinz Udine.
Hundertsiebzehn Ortschaften wurden von dem Erdbeben betroffen. Die Zahl der Toten ging in die Hunderte, und der Sachschaden war gewaltig. Etwa 100 000 Personen wurden obdachlos. Manche Häuser stürzten ein, während andere so stark beschädigt wurden, daß man sie abreißen mußte. Ein Mann stand vor seinem halbzerstörten Haus, den Kopf in die Hände vergraben, und stieß schluchzend hervor: „Fünfundzwanzig Jahre! Fünfundzwanzig Jahre!“ Er hatte fünfundzwanzig Jahre lang im Ausland gearbeitet, um dieses Haus bauen zu können. Nun war es eingestürzt.
Woran denkt man, wenn man ein Erdbeben überlebt hat und die Erschütterungen abgeklungen sind? Nachdem man Gott dafür gedankt hat, daß man noch am Leben ist, steigt in einem die bange Frage auf, wie es wohl den Angehörigen und Freunden ergangen sein mag. Sind auch sie noch am Leben? Um diese Frage drehten sich die Gedanken der Zeugen Jehovas nach dem Erdbeben. Ein reisender Prediger, der mehreren Versammlungen in der Landschaft Friaul dient, berichtete:
„Aus den Nachrichten, die am folgenden Morgen um 6 Uhr durchgegeben wurden, ging hervor, daß es sich um eine große Katastrophe handelte. Ich setzte mich in den Wagen und fuhr in die Ortschaften, wo unsere Brüder wohnten. Um 8 Uhr traf ich in der Provinzhauptstadt Udine ein. Die Stadt war fast menschenleer; die Einwohner hatten sich aufs Land geflüchtet. In Udine war nicht viel zerstört. Nachdem ich erfahren hatte, daß alle Zeugen Jehovas in dieser Stadt noch am Leben und wohlauf waren, fuhr ich nach San Daniele.
Dort traf ich Lino Culotta, einen Ältesten der Ortsversammlung. Er sagte, daß alle Zeugen dieses Ortes noch lebten, allerdings seien einige obdachlos geworden und müßten jetzt im Freien hausen. Auf dem Weg nach Gemona, weiter im Norden, kam ich an Osoppo vorbei, wo vier Familien, die Zeugen Jehovas sind, wohnten. Die Zufahrt zu diesem Ort war gesperrt. Dennoch gelang es mir, die Wohnung des Amabile Tandoi zu erreichen. Das Haus war beschädigt, aber nicht eingestürzt. Tandoi war aber nicht zu Hause, und ich schloß daraus, daß er noch am Leben war.
Überall wurde ich Zeuge herzzerreißender Szenen. Es war entsetzlich, zu sehen, wie Menschen, die schon halb tot waren, aus den Ruinen herausgeholt wurden. Viele andere konnten nicht mehr lebend geborgen werden.
Ich fuhr weiter nach Gemona, einem der am stärksten betroffenen Orte. Wie mochte es meinen christlichen Brüdern dort ergangen sein? Es war unmöglich, mit dem Auto bis Gemona zu gelangen, weil die Straßen mit Trümmern bedeckt waren. Deshalb ließ ich den Wagen stehen und ging zu Fuß weiter. Um den Königreichssaal zu finden, orientierte ich mich nach der katholischen Kirche, die in der Nähe des Saales stand. Die Kirche lag jedoch in Trümmern. Ein Haus auf der einen Seite der Kirche war teilweise zerstört, und das Haus daneben war nur noch ein Schutthaufen.
Ich wußte, daß der Königreichssaal, in dem die Zeugen Jehovas zu der Zeit, als das Erdbeben war, ihre Zusammenkunft hatten, um die nächste Ecke lag. Ich hielt es für ausgeschlossen, daß viele überlebt hatten. Während ich weiterging, schlug mir das Herz bis zum Hals. Ich bog um die Ecke — und vor mir sah ich das Haus, in dem sich der Königreichssaal befand. Es stand noch, während ringsum alles zerstört war. Sogar der Schaukasten mit den Büchern darin war unversehrt geblieben. Ich traf keinen einzigen Zeugen an. Wiederum schloß ich daraus, daß sie noch lebten.“
Während des Bebens
Das Epizentrum lag bei Tolmezzo. Renato Abramo, vorsitzführender Ältester der Versammlung der Zeugen Jehovas in jener Ortschaft, berichtete: „Unser Königreichssaal liegt im Parterre eines neuen dreistöckigen Hauses. Zur Zeit des Erdbebens hielten wir gerade wie gewöhnlich jeden Donnerstagabend unsere Zusammenkunft ab. Wir waren 24 Anwesende.
Die Zusammenkunft hatte bereits begonnen, als wir den ersten Stoß verspürten. Es war nur ein schwacher Stoß. Als er vorüber war, rief Maurizio Rossi: ,Kommt hierher!‘ und wies auf einen Balken hin, der von einer Säule aus armiertem Beton gestützt wurde.
Der zweite Stoß war viel schlimmer. Plötzlich ging das Licht aus. Der Gedanke, sterben zu müssen oder mindestens unter den Trümmern lebendig begraben zu werden, durchzuckte mich. Ich dachte: ,Wo werde ich zuerst getroffen werden: am Kopf, an der rechten oder an der linken Schulter oder an der Seite?‘ Ich schloß die Augen und betete zu Jehova. Das taten alle anderen auch. Das laut gesprochene Gebet tröstete uns gegenseitig. Obschon wir offensichtlich in Todesgefahr waren, schöpften wir aus der biblischen Verheißung einer Auferstehung Trost (Joh. 5:28, 29; Apg. 24:15).
Aber gerade als wir das Gefühl hatten, alles würde über uns zusammenstürzen, hörten die Bewegungen auf. Glücklich darüber, noch am Leben zu sein, rannten wir auf die Straße und suchten einen Lagerplatz auf, der in der Nähe lag. Wir zündeten ein Feuer an und verbrachten die Nacht dort.“
Hilfe
Am nächsten Tag traf im Katastrophengebiet Hilfe ein. Nicht nur Italiener, sondern auch Leute aus Nachbarländern Italiens boten ihre Dienste an. Jehovas Zeugen in Triest sammelten für ihre christlichen Brüder, die von der Katastrophe betroffen worden waren, Nahrungsmittel, Kleidung und Geld. In Udine wurde ein Zentrum eingerichtet, von dem aus die Hilfsaktion geleitet wurde. Einer der Ältesten hatte sein Haus dafür zur Verfügung gestellt. Das Zweigbüro der Watch Tower Bible and Tract Society in Rom bildete ein Komitee, um schnell Hilfe leisten zu können. „Es war ein ergreifendes Bild“, erzählte einer der Helfer, „Zeugen aus allen umliegenden Versammlungen, ja sogar aus Österreich und Deutschland helfen zu sehen.“
Aus dem schwer betroffenen Gemona berichtete Anacleto Martin: „Bruder Montori kehrte in die Wohnung über dem Königreichssaal zurück. Er führte den achtzig Jahre alten Vater des Hausbesitzers die Treppe hinunter auf die Straße und brachte ihn an einen sicheren Ort auf dem Land. Andere Zeugen bemühten sich, verschüttete Menschen aus den Trümmern der umliegenden Häuser auszugraben. Am folgenden Morgen trennten wir uns, um nach unseren eigenen Häusern zu sehen. Am Tag danach traf Hilfe von unseren christlichen Brüdern, die in der Umgebung wohnen, ein. Sie brachten uns u. a. Zelte, die wir dringend benötigten.“
Renato Abramo von Tolmezzo erzählte: „Wegen der vielen Nachbeben erschien es uns weise, im Freien zu bleiben. Ich stellte mein Zelt auf, und kurz danach erhielten wir noch eins. Einige schliefen in den Zelten, andere in den Autos. Am darauffolgenden Montag erlebten wir eine freudige Überraschung: Ein Lastwagen, auf dem die Worte standen: ,Wachtturm-Hilfe‘, fuhr vor. Man brachte uns Nahrungsmittel, Zelte, Medikamente und Decken. Wir konnten daher für uns und andere Zeugen aus der Umgebung sowie für einige unserer Nachbarn, mit denen wir gern teilten, was wir hatten, zusätzliche Zelte aufstellen.“
Ein reisender Aufseher sagte über die Stelle in Udine, die die Hilfsaktion der Zeugen Jehovas leitete: „In diesem Haus trafen so viele Hilfsgüter ein, daß es schwierig gewesen wäre, ein Inventar aufzunehmen. Die Bereitschaft der Zeugen Jehovas in anderen Städten und Ländern, zu helfen, war rührend. Unter den Hilfsgütern befanden sich sogar Windeln für Säuglinge. Zwei Schwestern amteten als Dolmetscher, um das Sprachenproblem der Freiwilligen aus Österreich und Deutschland zu überwinden. Wir waren für diese Hilfe so dankbar, daß wir uns fragten, was wir denen, die einen so weiten Weg zurückgelegt hatten, um uns zu helfen, anbieten könnten. Vielleicht einen Teller Spaghetti? Es war das Geringste, was wir für sie tun konnten.“
Etwas Wichtigeres
Während rührige Hände die Katastrophenopfer mit Nahrung, Kleidung, Obdach und anderen materiellen Dingen versorgten, beschäftigten sich Jehovas Zeugen in der Landschaft Friaul mit etwas, was in ihren Augen noch wichtiger war. Aus Gemona wurde berichtet:
„Wir beförderten die Stühle und andere Einrichtungsgegenstände des Königreichssaales nach San Daniele, und am 16. Mai führten wir in einem großen, von Brüdern gebauten Schuppen einen öffentlichen Vortrag und das Wachtturm-Studium durch.“ Renato Abramo berichtete über das Gebiet von Tolmezzo: „Am Sonntag nach dem Erdbeben konnten wir in einem Zelt unsere erste Zusammenkunft abhalten.“ In einem Bericht des Zweigbüros der Watch Tower Society in Rom hieß es: „Fast alle Versammlungen im Katastrophengebiet konnten am Sonntag nach dem Erdbeben ihre regulären Zusammenkünfte durchführen.“
Wie hatte sich das Erdbeben auf Jehovas Zeugen in der Landschaft Friaul im allgemeinen ausgewirkt? Das Wohnungsproblem war groß. Die Häuser von 64 Familien waren entweder eingestürzt oder so beschädigt, daß sie abgerissen werden mußten.
Aber keiner der Zeugen Jehovas war umgekommen oder schwer verletzt worden. Ihre Einstellung gegenüber dem, was geschehen war, brachte ein Ältester, der sich an den Hilfsarbeiten beteiligt hatte, treffend wie folgt zum Ausdruck: „Ich hoffe, daß sich ein solches Unglück nicht wiederholen wird. Andererseits bereitet es Freude, Mitmenschen, die in Not sind, zu helfen. Wir freuen uns auf die neue Ordnung, die Gott in naher Zukunft errichten wird, weil wir wissen, daß die Menschen dann nicht mehr leiden müssen und daß es keine solchen Katastrophen, ja selbst den Tod nicht mehr geben wird“ (Offb. 21:3-5).
[Herausgestellter Text auf Seite 20]
Ein Augenzeugenbericht aus Nordostitalien
[Herausgestellter Text auf Seite 22]
„Es war entsetzlich, zu sehen, wie Menschen, die schon halb tot waren, aus den Ruinen herausgeholt wurden. Viele andere konnten nicht mehr lebend geborgen werden.“
[Herausgestellter Text auf Seite 22]
Das Haus, in dem sich der Königreichssaal befand, stand noch, während ringsum alles zerstört war.
[Herausgestellter Text auf Seite 23]
„Es war ein ergreifendes Bild, Zeugen aus allen umliegenden Versammlungen, ja sogar aus Österreich und Deutschland helfen zu sehen.“
[Karte auf Seite 21]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
ÖSTERREICH
TOLMEZZO
GEMONA
OSOPPO
SAN DANIELE
UDINE
DAS ERDBEBENGEBIET