Ist es in der Hölle heiß?
„IRGENDWANN in den 60er Jahren hat die Hölle aufgehört zu existieren.“ Das sagte der britische Schriftsteller David Lodge in seinem Buch Souls and Bodies. Diese Worte geben die Ansicht wieder, die sich viele Katholiken und Protestanten nach dem Zweiten Weltkrieg zu eigen gemacht haben. Eine Zeitlang schwächten einige der großen Kirchen sogar ihre offizielle Lehre von einer Feuerhölle ab, um sich der heutigen Denkart anzupassen.
Die Vorstellung, nach dem Tod bestraft zu werden, ist für die Menschen allein schon deshalb unannehmbar, weil sie keinen klaren Begriff von der Sünde mehr haben. Kurienkardinal Ratzinger sagte 1984 in einem Interview, daß die „Kultur ... mit mildernden Umständen und Alibis versucht, den Menschen den Sinn für ihre Schuld, ihre Sünde zu entziehen ..., das heißt gerade jener Wirklichkeit, mit der der Glaube an die Hölle, an das Fegfeuer verknüpft ist“.
Ist es heute überhaupt möglich, die Sünde als Realität anzuerkennen, ohne dabei die Lehre zu akzeptieren, daß jemand nach dem Tod in der Hölle oder im Fegefeuer bestraft wird? In einem kürzlich erschienenen Buch mit dem Titel Abrégé de la foi catholique (Zusammenfassung des katholischen Glaubens), das mit einem Vorwort des französischen Kardinals Decourtray versehen ist, wird ganz offen die Frage gestellt: „Muß man an die Hölle glauben?“ Die Antwort: „Man kann der schrecklichen Frage nach der Hölle nicht ausweichen.“ In dem Werk Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung (11. Aufl., 1971) von J. Neuner und H. Roos heißt es dazu: „So lehrt die Kirche von der Vollendung des Menschen und des Gottesreiches: Die Seelen, die ohne Sünde und Sündenstrafen aus dem Leben scheiden, gehen ein in die e w i g e S e l i g k e i t ... Die Seelen, die in schwerer Sünde aus dem Leben scheiden, kommen in die H ö l l e ... Sie ist e w i g ... Sie besteht für die Seelen, die nur mit der Erbsünde behaftet waren, im Verlust der Anschauung Gottes ..., für die Seelen mit persönlichen Sünden außerdem in der Höllenqual“ (Seite 530).
Das Höllenfeuer ist trotz aller theologischen Bemühungen, das Gegenteil zu beweisen, also noch immer Teil des offiziellen katholischen Dogmas. Das Werk A New Dictionary of Christian Theology (1983) erwähnt jedoch das „Unbehagen“ und die „Verlegenheit“, die die Lehre von der ewigen Verdammnis bei vielen Kirchenmitgliedern heute verursacht. Sie haben Schwierigkeiten, das Dogma mit der Vorstellung von einem Gott der Liebe in Einklang zu bringen, und fragen sich: „Ist die Feuerhölle wirklich eine christliche, biblische Lehre? Wenn nicht, woher stammt sie dann?“
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Kathedrale von Bourges (Frankreich)