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Erwachet! 1971
g71 8. 12. S. 19-20

Die melancholische Musik der Anden

Vom „Awake!“-Korrespondenten in Ecuador

AUF einem Pfad hoch oben an den Hängen der Anden kehrt eine Indianerfamilie vom Markt heim. Der Vater, der vorangeht, setzt seine einfache Flöte an die Lippen, und eine liebliche, traurige Melodie erfüllt die Bergluft. Hundertfünfzig Kilometer entfernt, auf den belebten Straßen von Quito, schleppt ein bescheidener cargador seine Last, und irgendwo unter den Falten seines Ponchos ertönt aus einem kleinen Transistorradio eine ähnliche melancholische Serenade.

Das ist die typische Musik der ecuadorianischen Sierra. Sie wird liebevoll als música nacional bezeichnet, und ihre charakteristischen Klänge sind überall im ecuadorianischen Hochland zu hören, in zahllosen Eckcafés, an Festtagen auf den Plätzen der Ortschaften, zur Erntezeit auf den Feldern, in Bussen, in Werkstätten und in den Wohnungen. Obwohl diese traurigen und ein wenig monotonen Melodien nicht das sind, was man sich unter der typischen „fröhlichen lateinamerikanischen Musik“ vorstellt, haben sie eine einzigartige Anziehungskraft. Auch lassen sie den Zuhörer viel über Land und Leute erfahren.

Die einheimische Musik dieser Gegend Südamerikas scheint sich im Laufe der Jahrhunderte sehr wenig gewandelt zu haben. Wie Juan de Velasco, einer der ersten ecuadorianischen Historiker, berichtet, trafen die Spanier bei ihrer Ankunft Indianer, die auf Panflöten und pingullos, verschiedene Arten von Flöten, spielten. Bis auf den heutigen Tag weist die Musik der Andenstämme nur eine geringe Wirkung der vier Jahrhunderte spanischen Einflusses auf. Der Indianer spielt immer noch seinen rondador, seine Panflöte, und seinen pingullo. Seine nicht aufgezeichneten Melodien sind immer noch zu hören.

Von den für diese Gegend typischen Instrumenten ist besonders der rondador Gegenstand des Interesses. Der ecuadorianische rondador wird hergestellt, indem acht bis dreißig oder noch mehr hohle Rohrstücke von etwa eineinviertel Zentimeter Durchmesser in verschiedenen Längen zusammengebunden werden. Der Hersteller des rondadors ordnet die Rohrstücke „nach dem Gehör“ in Tonpaaren an. In der Fachsprache der Musik würde man das Verhältnis oder Intervall zwischen den Tönen jedes Paares als kleine Terz bezeichnen. Nur bei den sehr kleinen rondadores werden die Rohrstücke in einer fortlaufenden Tonleiter angeordnet. Die wunderbaren Melodien des rondadors entstehen, wenn man über die oberen Enden der Rohrstücke bläst und dabei das Instrument wie beim Mundharmonikaspiel hin und her schiebt.

Der rondador findet weitgehend deshalb Interesse, weil man ebensolche Instrumente in den Trümmern alter chinesischer und birmanischer Kulturen und überall auf den Inseln des Pazifischen Ozeans gefunden hat. Diese auffallende Ähnlichkeit der Musikinstrumente wird von einigen als Beweis einer frühen Verbindung zwischen den Kulturen des Fernen Ostens und Südamerikas gedeutet.

Viele, die die Musik der Sierra zum erstenmal hören, meinen, sie erinnere sie an orientalische Musik. Andere sagen, sie rufe einem irgendeine alte schottische Ballade in den Sinn. Ihre Ohren haben sie nicht getäuscht. Die Musik der Anden beruht auf der Fünftonleiter, ebenso wie die alte Musik Chinas, Schottlands und anderer Länder.

Die Fünftonleiter besteht aus fünf Tönen und umfaßt keine Halbtöne. Sie geht von einem Grundton, zum Beispiel vom f, aus, dem vier reine Quinten folgen: c, g, d und a (der fünfte Ton über dem f ist das c, der fünfte über dem c das g usw.). Die fünf Töne werden dann so angeordnet, daß sie die Durtonreihe f-g-a-c-d bilden. In der ecuadorianischen Volksmusik trägt die Moll-Fünftonleiter, in diesem Fall d-f-g-a-c, weitgehend zu der traurigen, monotonen Eigenart bei.

Umweltfaktoren

Woher der Indianer Ecuadors und seine Kultur auch stammen mögen, muß seine Musik doch, als er sich in den Andentälern niederließ, begonnen haben, die Stimmung seiner neuen Heimat widerhallen zu lassen. Die ehrfurchteinflößende Schönheit der schneebedeckten Vulkane, die dünne Luft, die kalten Winde und vor allem die Einsamkeit der Berge: all diese Umweltfaktoren scheinen ihre Spuren in seiner Persönlichkeit und in seiner Musik hinterlassen zu haben.

Die offensichtlichen Unterschiede zwischen der Volksmusik der Sierra und derjenigen der anderen wichtigen geographischen Gegend Ecuadors, der tropischen Küste, könnten diesen Gedanken stützen. Die unbeschwerten und unabhängigen Bewohner der Küstengegend bekunden im allgemeinen eine entschiedene Vorliebe für lebhafte, rhythmische Musik. In der Regel meiden sie die klagenden Melodien, die ihren schweigsamen Landsleuten in der Sierra so lieb sind. Bedeutsam ist auch die Tatsache, daß die Volksmusik an der Küste eher in den Durtonarten steht, während sich der Indianer der Sierra für mehr als 90 Prozent seines musikalischen Ausdrucks die melancholischen Molltonarten ausgewählt hat.

Angesichts der Unterdrückung der Indianer während der letzten Jahrhunderte sind einige zu der Schlußfolgerung gekommen, daß die Traurigkeit, die sich in ihrer Musik zeige, die Traurigkeit ihres Loses im Leben widerspiegele. Andere meinen jedoch, die melancholische Eigenart sei mehr auf die Umweltfaktoren und auf die Grenzen, die den Instrumenten und der musikalischen Struktur gesetzt gewesen seien, zurückzuführen als auf irgendwelche bewußten Bemühungen, eine soziale Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen.

Tatsächlich ist es so, daß der Indianer selbst seine Musik nicht als besonders traurig betrachtet. Er spielt sie einfach deshalb so, weil ihm das so gefällt und weil sie schon lange so gespielt worden ist.

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