Zwei klassische Briefe von großer Bedeutung
TRAJAN, der Herrscher des großen Römischen Reiches, benötigte einen Statthalter für die Provinz Bithynien-Pontus in Kleinasien. Er ernannte seinen zuverlässigen Freund Gajus Plinius Cäcilius Secundus, auch Plinius der Jüngere genannt, dazu. Plinius traf im Jahre 111 u. Z. in Bithynien ein und starb zwei Jahre später. In dieser Zeit stand er in regem Briefwechsel mit Trajan. Besonders berühmt wegen seines hohen Alters ist das Briefpaar über die Strafverfolgung der ersten Christen. Der Brief des Statthalters zeigt, wie ein Nichtchrist Einstellung, Handlungsweise und Gesinnung der Diener Gottes betrachtete. Diese beiden Briefe sind von solch geschichtlichem Wert (sie wurden kurz nach dem Tod des letzten Apostels geschrieben), daß wir sie hier abdrucken möchten, wie sie in dem Büchlein Des C. Plinius Cäcilius Secundus Briefe, übersetzt von Ernst Klußmann und Prof. Dr. Wilhelm Binder, 1915, auf den Seiten 136 bis 139 zu lesen sind.
„Ich habe es mir, Herr, zum strengen Gesetze gemacht, alles, worüber ich Bedenklichkeiten habe, an dich zu berichten. Denn wer kann mich in meiner Unsicherheit besser leiten oder in meiner mangelhaften Einsicht besser belehren? Ich habe den Untersuchungen gegen die Christen noch nie beigewohnt, weiß daher nicht, was und wie weit man hier zu strafen oder zu untersuchen pflege. Auch befand ich mich in nicht geringer Ungewißheit, ob das Alter einen Unterschied mache, oder ob ganz junge Personen nicht anders als Gereiftere zu behandeln seien, ob der Reuige begnadigt werden dürfe, oder ob es dem, welcher einmal Christ war, nicht zugute komme, wenn er davon absteht; ob der Name an sich, auch ohne Verbrechen, oder nur die Verbrechen, wenn sie mit dem Namen in Verbindung stehen, zu bestrafen seien. Einstweilen habe ich es mit denen, welche mir als Christen angegeben wurden, folgendermaßen gehalten. Ich habe sie gefragt, ob sie Christen wären? Gestanden sie es, so habe ich sie zum zweiten und dritten Male gefragt und ihnen mit der Todesstrafe gedroht; beharrten sie darauf, so ließ ich sie hinrichten. Denn ich war nicht im Zweifel darüber, daß — der Gegenstand ihres Geständnisses möge auch sein, welcher er wolle — jedenfalls ihre Hartnäckigkeit und ihr unbeugsamer Starrsinn gestraft werden müsse. Andere, welche mit dem gleichen Wahnsinn behaftet waren, habe ich, weil sie römische Bürger waren, vormerken lassen, um sie nach Rom zu senden. Da sich nun während der Untersuchung selbst das Verbrechen, wie dies zu geschehen pflegt, immer weiter verbreitete, so kamen mehrere Auftritte (derart) vor. Es kam eine Schrift ohne Angabe des Verfassers zum Vorschein, welche die Namen vieler Personen enthielt, die da leugneten, Christen zu sein oder gewesen zu sein, und nach der vorgesprochenen Formel die Götter anriefen, auch deinem Bilde, das ich deswegen zugleich mit den Götterbildern hatte herbeibringen lassen, mit Wein und Weihrauch opferten, überdies noch den Christus lästerten: lauter Dinge, wozu sich, wie man sagt, wirkliche Christen nicht zwingen lassen können; diese glaubte ich nun loslassen zu müssen. Andere, von einem Angeber namhaft gemacht, sagten, ‚sie seien Christen‘, bald aber leugneten sie es wieder: ‚sie seien es zwar gewesen, aber wieder davon abgestanden‘, einige: ‚vor drei‘, andere ‚vor mehreren‘, einer sogar: ‚vor zwanzig Jahren‘. Alle haben deinem Bildnis und den Götterbildern ihre Verehrung erwiesen, ebenso auch den Christus gelästert. Sie versicherten aber, ihre ganze Verschuldung oder Irrtum habe darin bestanden, daß sie an einem bestimmten Tage vor Tagesanbruch sich zu versammeln pflegten, zu dem Christus, als zu einem Gotte, gemeinschaftlich ein Gebet sprachen und sich durch einen Eid nicht zu einem Verbrechen, sondern dazu verpflichteten, keinen Diebstahl, keinen Raub, keinen Ehebruch zu begehen, kein gegebenes Wort zu brechen, kein anvertrautes Gut auf Verlangen abzuleugnen. Hierauf seien sie dann wieder auseinandergegangen und abermals zusammengekommen, um in Gesellschaft ein, jedoch unschuldiges, Mahl zu halten, was sie indessen seit meinem Edikte nicht mehr getan hätten, worin ich, deinen Befehlen gemäß, geschlossene Vereine verboten habe. Um so mehr hielt ich es für notwendig, von zwei Mägden, welche (bei ihnen) Diakonissinnen heißen, mittels der Folter die Wahrheit zu erforschen. Allein ich fand nichts, als einen verkehrten, schwärmerischen Aberglauben, und schob daher die Untersuchung auf, um dein Gutachten einzuholen. Denn die Sache schien mir deiner Erwägung wohl wert, hauptsächlich wegen der Anzahl der dabei Gefährdeten. Denn viele Personen jedes Alters, jedes Standes, beiderlei Geschlechts geraten in Gefahr und werden auch künftig hineingeraten. Denn nicht nur über die Städte, sondern auch über die Flecken und das flache Land hat sich die Seuche dieses Aberglaubens verbreitet, der jedoch, wie mir scheint, noch gesteuert und abgeholfen werden kann. So viel wenigstens steht fest, daß man die fast ganz verlassenen Tempel wieder zu besuchen begonnen hat und die lange ausgesetzten Opfer wieder darbringt, auch hier und da wieder Opfertiere zum Verkaufe kommen, wozu sich bis daher nur höchst selten ein Käufer fand. Hieraus läßt sich leicht der Schluß ziehen, welche Menge von Menschen auf bessere Wege gebracht werden kann, wenn man ihnen Gelegenheit zur Reue gibt.“
Der Antwortbrief des Trajan auf diesen Brief des Plinius lautete: „Das Verfahren, mein Secundus, welches du bei der Untersuchung der dir als Christen angegebenen Personen beobachtet hast, ist ganz pflichtgemäß. Denn es läßt sich hier nichts Allgemeines, das zu einer bestimmten Norm dienen könnte, festsetzen. Aufsuchen muß man sie nicht; werden sie aber angegeben und überwiesen, so sind sie zu bestrafen, jedoch so, daß wer da leugnet, ein Christ zu sein, und dies durch die Tat selbst beweist, d. h. dadurch, daß er unsere Götter anruft, obgleich er früher verdächtig gewesen ist, wegen seiner Reue Verzeihung erhalten soll. Namenlose Anklagen aber dürfen bei keiner Anschuldigung berücksichtigt werden; denn das wäre das schlimmste Beispiel und unserem Zeitalter ganz zuwider.“
WELCH EIN RÜHMLICHES ZEUGNIS!
Diese Briefe verraten viel über die ersten Christen. Sie waren eine kleine Minderheit, die sich aus „ganz jungen Personen“ und aus „Gereifteren“ zusammensetzte, doch selbst die „Folter“ vermochte diese wahren Nachfolger Christi nicht von ihrem Glauben abzubringen. Diese „Hartnäckigkeit“, wie Plinius schrieb, war jedoch nichts anderes als selbstlose Hingabe, absolute Treue und eine unerschütterliche Entschlossenheit, die Gebote Jehovas zu halten und zu tun, was recht ist.
Worin bestanden die Verbrechen, die diese Christen begangen haben sollen? Plinius schreibt, daß sie „zu dem Christus, als zu einem Gotte, gemeinschaftlich ein Gebet sprachen und sich durch einen Eid nicht zu einem Verbrechen, sondern dazu verpflichteten, keinen Diebstahl, keinen Raub, keinen Ehebruch zu begehen, kein gegebenes Wort zu brechen, kein anvertrautes Gut auf Verlangen abzuleugnen“, außerdem sei es bei ihnen üblich, „in Gesellschaft ein, jedoch unschuldiges, Mahl zu halten“. In dem Reich gab es gewiß keine besseren, rechtschaffeneren und wünschenswerteren Bürger als diese Christen, und doch wollte Plinius sie töten und ausrotten!
Aber nicht alle, die sich vor Plinius verantworten mußten, erwiesen sich als solch treue Christen. Einige leugneten, je Christ gewesen zu sein, und um das zu beweisen, riefen sie die heidnischen Götter an und opferten dem Bild des Kaisers Trajan „Wein und Weihrauch“ und „[lästerten] überdies noch den Christus“. Sogar Plinius erkannte, daß es sich bei diesen Personen nicht um Christen handelte, denn dazu würden „sich, wie man sagt, wirkliche Christen nicht zwingen lassen“.
Bei einer dritten Gruppe, die sich vor Plinius verantworten mußte, handelte es sich um Personen, die, wie Jesus in einem Gleichnis zeigte, harte, steinerne Herzen hatten, in denen die Wahrheit nicht richtig Wurzel fassen konnte; deshalb strauchelten sie, als die Verfolgung über sie hereinbrach. (Matth. 13:20, 21) Sie wurden Jehova Gott untreu, schlossen mit den Herrschern des gegenwärtigen satanischen Systems der Dinge Kompromisse, hielten ihr Gelübde nicht und hörten auf, gottgefällig zu wandeln und sich mit dem Volk des Herrn zu versammeln, nur weil schwache Menschen, Plinius und Trajan, ein Edikt erlassen hatten, in dem „geschlossene Vereine verboten“ wurden. (Hebr. 10:25) Diesen untreuen und unwürdigen Menschen verzieh Plinius gnädig. Trajan hieß seine Handlungsweise gut, und der Teufel freute sich. In Jehovas Augen verdienten diese Menschen, die ihren Bund gebrochen hatten, jedoch den Tod. — Pred. 5:4, 5; Röm. 1:31, 32.
Aber „die Seuche dieses Aberglaubens“, wie Plinius sich ausdrückte, verbreitete sich trotz Verfolgung und obschon einige vom Glauben abfielen, ja sogar „während der Untersuchung“ verbreitete sich das Christentum immer weiter, und „viele Personen jedes Alters, jedes Standes, beiderlei Geschlechts“ nahmen die Wahrheit an. Plinius klagte: „Nicht nur über die Städte, sondern auch über die Flecken und das flache Land hat sich die Seuche dieses Aberglaubens verbreitet.“