Meistergeigen
Vom „Awake!“-Korrespondenten in Kanada
AMATI, Stradivari, Guarneri — das sind Namen von berühmten Geigenbauern früherer Jahrhunderte. Die Tonqualität ihrer Geigen ist heute noch so vorzüglich, daß sie jahrzehntelang als Kriterien für Meistergeigen gegolten haben.
Man hat versucht, diese Geigen nachzubauen. Einigen ist das gelungen, was die äußere Form betrifft, aber die Tonqualität verrät sofort, daß es sich nicht um eines der alten Originale handelt.
Doch gibt es auch heute begabte Geigenbauer, die ihrer Kunst mit der Leidenschaft und dem Stolz eines Amati, Stradivari oder Guarneri nachgehen. Begleite mich nach Britisch-Kolumbien (Kanada), wo wir einen Besuch bei einem Geigenbauer machen wollen, der sein Handwerk meisterhaft versteht.
Bevor wir abreisen, möchte ich noch hervorheben, daß dieser Geigenbauer seine Instrumente nicht nach fremden Mustern oder Modellen baut, sondern nach eigenen.
Etwas mag dir besonders auffallen, wenn du dich in der bescheidenen Hütte, die er als Werkstatt benutzt, umschaust: Du siehst nur zwei unfertige Geigen, an denen er arbeitet. Während er sie uns beschreibt, fühlt man, daß jedes seiner Werke das Siegel seiner Persönlichkeit trägt, eines Künstlers, dem Genauigkeit, Vollkommenheit und Schönheit oberstes Gebot sind.
Welche Art von Geigen?
„Vor kurzem habe ich für einen Universitätsprofessor eine Geige gebaut“, erzählt er uns. „Wissen Sie, ich mache Geigen auf Bestellung, Geigen, die dem besonderen Zweck, zu dem der Kunde sie benutzen will, angepaßt sind. Ich baue Geigen, die besonders für Kammermusik geeignet sind oder für Solisten oder auch als Orchestergeige — je nachdem, wozu der Musiker das Instrument verwenden will.“
Geigen für Kammermusik haben in der Regel einen zarten, weichen Ton. Orchestergeigen dagegen haben einen klaren, kräftigen Ton, nicht so weich wie der Ton der Geigen für Kammermusik. Konzertgeigen oder Geigen für Solisten müssen einen vollen Ton haben; unser Geigenbauer sagt, er sei „tragfähiger“ als der Ton der Orchestergeigen und nicht so hart.
Und wie erreicht man die gewünschte Tonqualität? Er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Wölbung der Decke der Geige, die er gerade baut. Er erklärt, wenn die Wölbung höher sei, enthalte der Resonanzkörper mehr Luft, und das ergebe einen weichen, zarten Ton, während bei einer niederen Wölbung der Ton klar und kräftig sei. Kraft und Klarheit seien Eigenschaften, die man von einer Orchestergeige erwarte.
Das Material
Siehst du dort das Holz, aus dem die Geigen gebaut werden? Es ist sorgfältig in der Ecke aufgestapelt. Siehst du, daß es kreuzweise übereinandergelegt ist, so daß die Luft zwischen jedem Stück durchstreifen kann, und daß es an einem trockenen Platz liegt und vor Feuchtigkeit geschützt ist? Es dauert etwa sechs Jahre, bis das Holz richtig trocken ist. Ein Teil dieses Holzes liegt also schon sehr lange hier.
Während wir das Holz betrachten, das zum Bau von Geigen benutzt wird, erfahren wir, daß die Zargen oder Seitenwände, der Boden, der Steg, der Hals und die Schnecke der Geige aus Ahornholz verfertigt werden. Die Decke aber, die Stimme oder Seele und der Baßbalken werden aus Fichtenholz gemacht.
Unser Geigenbauer bezieht das Ahornholz aus Europa; dort wächst es in Bergwäldern in einer Höhe von etwa 460 Metern über dem Meer und auf Kalksteinboden. Das bedeutet, daß das Holz feiner gemasert ist, weil es langsamer wächst. Die Bäume werden im Winter gefällt, weil dann kaum Saft durch sie fließt. Das beste Ahornholz stammt vom Balkan. Das Fichtenholz kommt von der Westküste Kanadas, und es ist vorzügliches Holz.
Beim Bau einer Meistergeige spielt der Lack eine wichtige Rolle. Unser Geigenbauer erzählt uns, daß er den Lack immer noch selbst herstelle; jede Art von Geige verlange ihren besonderen Lack. Er benutzt zur Herstellung des Lacks Mastix (Balsamharz einer mittelmeerischen Pistazienart), Wacholderharz, Schellack, Bienenharz, andere Harze, Spiritus und Farbe. Er steht auf dem Standpunkt, den Lack müsse man in dünnen Schichten auftragen und er sollte rasch trocknen. Kannst du ihn riechen?
Natürlich dürfen wir nicht erwarten, zusehen zu können, wie während unseres Besuches eine Geige entsteht. Unser Geigenbauer erzählt uns, daß er im Jahr gewöhnlich nur drei Geigen mache. Das sind nicht viele, aber er baut dafür Instrumente von hoher Qualität.
Mustergültige Arbeit
Betrachte einmal diesen Geigenboden. Er mag jetzt noch roh aussehen, aber der Geigenbauer ist gerade dabei, ihn zu bearbeiten. Siehst du, daß er in Vierecke eingeteilt ist, alle sorgfältig mit Bleistift eingezeichnet? Könntest du sie zählen, dann kämest du auf etwa 200. Sie ermöglichen es dem Geigenbauer, bei der Bearbeitung des Bodens die Holzstärke richtig abzustufen.
Zuerst benutzt er einen Meißel und dann einen kleinen Hobel und schließlich einen Schaber (er verwendet kein Sandpapier); er beginnt an den Rändern und höhlt den Boden aus, bis er die gewünschte Stärke hat. Nachdem er die Außenseite des Bodens bearbeitet hat, beginnt er mit der Innenseite. Der fertige Boden wird an den Rändern zwei Millimeter stark sein, in der Mitte dagegen, 195 Millimeter vom oberen Rand des Geigenbodens entfernt, etwa vier bis fünf Millimeter. Der Geigenbauer benutzt ein Mikrometer, um die Stärke jedes Vierecks zu messen, während er den Boden gegen die Mitte hin bearbeitet. Findest du es nicht faszinierend, daß der Geigenbauer so genau und so sorgfältig arbeitet?
Nun erklärt er uns, wie die Decke bearbeitet wird; wir haben angenommen, daß das auf eine ähnliche Weise geschieht wie die Bearbeitung des Bodens. Aber besondere Aufmerksamkeit muß der Wölbung der Decke geschenkt werden. Die Dicke der Decke ist vom Rand gegen das mittlere Drittel abgestuft, die stärkste Stelle ist da, wo der Steg der Geige aufsitzen soll.
Wohlklang durch Befolgen der akustischen Gesetze
Bald erkennen wir, daß die Geige nicht nur bis ins kleinste genau gearbeitet sein muß, sondern daß jeder Schritt im Bau einer Geige für ihren Klang von Bedeutung ist. Gerade die Verfertigung der Geigendecke ist ein Beweis dafür. Wenn sie innen und außen fertig bearbeitet worden ist, sollte, wenn man leicht daran schlägt, der Ton Fis zu hören sein. Aber nachdem die F-Löcher ausgeschnitten worden sind, erklingt, wenn man sie leicht in Schwingung versetzt, der Ton Cis. Nachdem der Baßbalken befestigt worden ist, ertönt wieder ein anderer Ton. Der Baßbalken ist aus Fichtenholz und wird der Innenseite der Decke am oberen Rand des linken F-Loches aufgeklebt, und er verläuft unter der G-Saite und parallel zu ihr. Der Baßbalken bewirkt, daß die G-Saite voller erklingt, und bildet auch eine Stütze für den linken Fuß des Steges. Nachdem die Decke mit dem Baßbalken versehen ist, ändert sich der Vibrationston wieder; nun erklingt, wenn man die Decke leicht in Schwingung versetzt, der Ton E.
Die F-Löcher, die es dem Ton ermöglichen hinauszudringen, müssen äußerst sorgfältig ausgeschnitten werden und genau die richtige Größe haben. Sind sie zu klein, bleiben die Vibrationstöne im Resonanzkörper eingeschlossen, und der Ton der Geige ist gedämpft. Sind die F-Löcher zu groß, ist ein dünner, schriller Ton die Folge.
Sogar die Form des Steges kann sich nachteilig auf den Klang einer Geige auswirken. Unser Geigenbauer erzählt uns, ein Musiker, für den er eine Geige gebaut habe, hätte einen anderen Steg an seinem Instrument gewollt. Anstatt die Geige ihm zurückzubringen, habe der Musiker sie in eine Werkstatt in einer Großstadt gebracht. Durch diese Änderung habe die Geige das besondere Timbre verloren, das sie ausgezeichnet habe. Erst als der neue Steg entfernt und durch einen anderen ersetzt worden sei, der mit jedem der übrigen Teile des Instruments akustisch zusammengepaßt habe, sei der alte Klang wieder vorhanden gewesen. „Wissen Sie, jeder Teil des Instruments ist für seinen Klang von Bedeutung“, sagte der Geigenbauer.
Prüfung der Schwingungen
Wenn die Geige fertig ist und die Saiten gestimmt sind, müssen die Vibrationstöne geprüft werden. Unser Geigenbauer zeigt uns, wie das geschieht. Zuerst erklärt er, daß Geigendecke und -boden je zwölf verschiedene Vibrationstöne hätten. Sie alle müssen harmonisch erklingen. Im Rand des linken F-Loches am Baßbalken sollte der Vibrationston A sein. Im Bogen am äußeren Rand des linken F-Loches sollte der Ton ein G sein, ein Ton tiefer als A. Bei jedem Arbeitsgang achtet der Geigenbauer auf die akustische Harmonie. Man hat die Geige treffend als eine Sinfonie der Harmonie bezeichnet.
Nachdem uns unser Geigenbauer das erklärt hat, greift er nach einer Schachtel, in der winzige Glasröhrchen liegen. Er taucht seinen Daumen und Zeigefinger in gepuderte Tonerde, und nachdem er das Ende eines Röhrchens auf eine bestimmte Stelle der Geige gelegt hat, streicht er leicht von oben nach unten über das Röhrchen. Während sein Zeigefinger und Daumen darüberstreichen, erklingt die Geige, wie wenn sie gespielt würde. Auf dem Gesicht des Geigenbauers erscheint ein Ausdruck der Zufriedenheit, während das empfindsame Ohr des Künstlers feststellt, daß der Ton von hoher Qualität ist. Durch diese Methode kann er ermitteln, während er an der Geige baut, ob an einer bestimmten Stelle der gewünschte Vibrationston vorhanden ist. Die Geige ist wirklich eine Sinfonie der Harmonie.
„Mensur“
Möchtest du wissen, welches der häufigste Fehler bei Geigen ist, die nicht richtig gebaut sind? Wir wollen unseren Geigenbauer fragen.
„Ich habe die Erfahrung gemacht, daß der häufigste Mangel mit der ,Mensur‘ zu tun hat“, entgegnet er.
„Was ist das?“
„‚Mensur‘ bedeutet ,die für ein Instrument charakteristischen, die Stimmung, den Klangcharakter und die Spielweise bestimmenden Maße oder Maßverhältnisse‘. Stimmt dieses Verhältnis nicht, so wird das Spielen sehr schwierig, denn der Spieler muß die festgesetzten Griffe ständig korrigieren, um diesen Mangel auszugleichen.
Um die Spielbarkeit zu gewährleisten, muß man besonders sorgfältig beim Anbringen des Halses an den Resonanzkörper sein und beim Aufleimen des Griffbretts aus Ebenholz auf den Hals. Der Hals muß mit der Mittellinie des Geigenbodens und der Geigendecke eine Linie bilden. Er muß eine solche Neigung haben, daß das Ende des Griffbretts an der höchsten Stelle fünfundzwanzig Millimeter tiefer ist als die höchste Stelle der Decke. Sonst ist die Geige nicht spielbar.“
Darüber werde ich noch nachdenken müssen. Und du? Aber es ist Zeit, uns zu verabschieden. Wir danken dem Geigenbauer, daß er sich die Zeit genommen hat, uns so vieles zu erklären und zu zeigen. Wir selbst könnten keine Geige bauen, aber wir wissen jetzt doch beträchtlich mehr darüber, wie Geigen gemacht werden. Wir sind überzeugt, daß nur ein Künstler Meistergeigen bauen kann; der Geigenmacher muß ein großer Künstler sein und wissen, wie jedes Bearbeiten mit Meißel, Hobel oder Schaber und jedes Element der Geige sich auf den Ton des Instruments auswirkt.
Man wird tief beeindruckt von den akustischen Gesetzen, die von unserem erhabenen Schöpfer stammen, Gesetze, die der Mensch entdeckt hat und die von einem Künstler in einem Instrument eingefangen werden. Das Ergebnis ist eine Meistergeige.
[Diagramm auf Seite 21]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
SCHNECKE
WIRBEL
HALS
GRIFFBRETT
DECKE
F-LÖCHER
STEG
ZARGE